GÜNTHER ROTHE –

LEBEN FÜR DIE KUNST

 

 

1 | Überlebenskunst in der Nachkriegszeit

Günther Rothe ist ein Tausendsassa im besten Sinne des Wortes, ein Verfechter des kreativen Mehr-kampfes. Sein rastloses Wesen hat ihn in seinem Leben schon auf viele Felder geführt, denn er liebt alles Neue und die Herausforderung. Viele kennen ihn als Triebkraft in der Leipziger Kunstszene, als Maler oder Kurator von Ausstellungen, aber er war auch für viele Jahre Orchesterleiter, hat zahnmedizinische Instrumente gestaltet, eine eigene Gießerei betrieben, ein reisefähiges Museum entwickelt sowie Armbanduhren und Möbel entworfen. Seine kreativen Kräfte wenden sich auf alles an, was ihm begegnet, und suchen nach besseren Lösungen für sich stellende Probleme.

 

Aber woher kommt diese Vielseitigkeit? Günther Rothe wurde 1947 in Lützen bei Leipzig geboren. Die Nachkriegsjahre mit ihrem täglichen Kampf ums Dasein, ihren Entbehrungen, aber auch Chancen, prägten seine Kindheit und Jugend. Den Luxus, mit dem Herzen zu wählen, konnte sich damals noch kaum jemand leisten. Selbstgenügsame Beredsamkeit noch weniger. Man tat, was man konnte, und nutzte die Möglichkeiten, die sich boten. Der kostbare Raum zur Selbstentfaltung musste erst zwischen den Trümmern gefunden oder aus denselben errichtet werden.

 

Günther Rothes prägendste Bezugsperson in dieser Hinsicht war sein Vater. Dessen Familie stammte aus Schlesien und war nach dem Krieg von der neuen Regierung in Polen enteignet worden. Da er als Deutscher in seiner Heimat nun keine Perspektive mehr sah, verließ er sie in Richtung Westen und kam mit nichts als dem Leben in Leipzig an. Zu verzweifeln hätte er also jeden Grund gehabt, tat es aber nicht. Vielmehr baute er sich mit Mut und Tatkraft binnen weniger Jahre eine neue Existenz auf und gab damit seiner Familie eine Zukunft. Im Laufe der Jahre betrieb er eine kleine Steinfabrik, eine Fleischerei und eine Gastwirtschaft.

 

Wie es ihm gelang, seinen Verlusten nicht nachzutrauern, sondern sein zweites Leben als Geschenk zu begreifen und entschlossen in beide Hände zu nehmen, hat seinen Sohn nachhaltig beeindruckt. Seine Klarsicht, Schläue, Geduld und Beweglichkeit kamen hinzu: Er verstand es, die Anforderungen des Alltags zu erkennen, die richtigen Lösungen dafür zu finden, sie konsequent zu verfolgen und immer rechtzeitig auf Veränderungen zu reagieren. Und er wollte und konnte diese nützliche Sammlung an Tugenden – mal sanftmütig, mal ironisch – an Günther Rothe vermitteln.

 

Aber jede Tugend braucht Unabhängigkeit, um sich zu entfalten. In einem Volkseigenen Betrieb wäre sie vermutlich auf der Strecke geblieben. Schon auf dem elterlichen Hof in Schlesien war Rothes Vater Unternehmer gewesen und sah deshalb keinen Grund, es nach dem Krieg nicht wieder zu sein. In der DDR war er damit selbstredend ein Quertreiber und Exot, stets argwöhnisch beäugt von den Vasallen des Apparates, aber er fand an dieser Rolle Gefallen und lebte seinen freiheitlichen Geist. Stets darauf bedacht, seine Unternehmen klein genug zu halten, um sie vor der Verstaatlichung zu schützen, bewahrte er sich seine Eigenständigkeit.

 

Das Umfeld, das er damit schuf, war für die Lebenswirklichkeit der DDR in hohem Maße außergewöhnlich – und für Günther Rothe ebenso glücklich wie lehrreich. Durch das Vorbild des Vaters wuchs er wie selbstverständlich in ein Denken hinein, das den meisten DDR-Bürgern notgedrungen fremd blieb, und lernte viele Zwänge nicht kennen, denen jene in der Regel unterworfen waren. Die Chance, seinen Interessen zu folgen, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und unternehmerische Klugheit zu entwickeln bildeten die unschätzbare Mitgift seiner Jugend.

 

2 | Feingeist und (Sub-) Kultur

Sein Interesse an der Kunst und die künstlerische Begabung hat er allerdings eher seiner Mutter zu verdanken. Sie stammte aus bürgerlichem Haus und hatte eine vielseitige Bildung genossen, war einfühlsam und feingeistig. Der Krieg hatte auch ihr viel genommen und abverlangt. Die meisten ihrer Verwandten lebten nicht mehr und vom Wohlstand war ihr nichts geblieben, aber ihr kulturvoller Geist war unversehrt. Die erlittene Not hatte ihr liebevolles Wesen nicht verrohen, die erlebte Zerstörung ihren Blick für das Schöne nicht trüben können. Das war keineswegs selbstverständlich, sondern Ausdruck einer enormen inneren Kraft, die für den heranwachsenden Günther Rothe mindestens genauso wichtig war wie das pragmatische Geschick seines Vaters.

 

Einen weiteren Aspekt bildeten die guten Kontakte, die sein Umfeld ihm seit Kindertagen bot. In den 50er Jahren, als Günther Rothe zur Schule ging, erlaubte der wirtschaftliche Erfolg des Vaters der Familie wieder ein komfortables Leben. Sie wohnte in Leipzig Leutzsch, einem gründerzeitlich geprägten Viertel, das damals wie heute bei den Eliten der Stadt – den geistigen wie den monetären – hoch im Kurs stand. So wohnten etwa Franz Konwitschny, der Kapellmeister des Gewandhausorchesters, und Prof. Hans Sandig, der Gründer des Rundfunk-Kinderchores Leipzig, in unmittelbarer Nachbarschaft. Solchen Größen jeden Tag zu begegnen oder mit ihren Kindern die Schulbank zu drücken, hat vermutlich noch niemandem geschadet. Wie von selbst und quasi im Vorbeigehen schafft es Inspirationen und Möglichkeiten, die auf dem Dienstweg nur schwer zu erlangen wären. Auch für Günther Rothe.

 

 

In der DDR waren solche Kontakte noch wichtiger als heute, weil der Dienstweg fast immer ausgeschlossen war. Jenseits der Grundbedürfnisse war die wirtschaftliche Versorgung schlecht und die Verwaltung nicht nur ineffizient – wie überall – sondern auch ideologisch verschraubt und humorlos. Jeder künstlerischen wie unternehmerischen Freiheit stand sie prinzipiell feindlich gegenüber, so dass Freigeister und kreative Menschen stets besonders mit ihr haderten. Aber sie wussten sich zu helfen und bildeten private Netzwerke, in denen der gesunde Menschenverstand noch funktionierte. Diese Tendenz lässt sich in allen restriktiven Systemen beobachten: Je dünner die Luft zum Atmen wird, desto üppiger blühen Subkultur und Schattenwirtschaft, aber auch Solidarität und Zusammenhalt im vernunftbegabten Teil der Bevölkerung.

 

 

Doch selbst die besten Kontakte bleiben wertlos, wenn man sie nicht zu pflegen vermag. Und Günther Rothe versteht sich darauf vortrefflich. Es gibt gute Gründe, darin seine entscheidende Stärke zu sehen – jene, auf der alle anderen aufbauen. Er ist ein umgänglicher Zeitgenosse, mit dem man schnell und gut ins Reden kommt, der gerne Freundschaft schließt und das Leben zu genießen weiß. Sein Humor und sein reicher Erfahrungsschatz sichern ihm die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer.

 

 

Zudem ist er betont ideologiefrei unterwegs, was ihn im Umgang mit anderen Menschen nur selten auf unüberwindbare Hindernisse treffen lässt. Immer zuerst das Verbindende suchend, zieht er die freundschaftliche Übereinkunft jeder offiziellen Verlautbarung vor. Bis heute ist dies die Grundlage seines wirtschaftlichen Handelns geblieben. Gelernt ist eben gelernt.

 

 

 

4 | Musik ...