GÜNTHER ROTHE –

LEBEN FÜR DIE KUNST

 

 

6 | Kurator

 

Die Musik, die Malerei und das Design – sie alle sind große Leidenschaften und wesentliche Bausteine in Günther Rothes Leben, auch jederzeit bereit, im Falle des Falles wieder aktiviert zu werden, und dennoch in den letzten Jahren zu Gunsten seiner heutigen Haupttätigkeit in den Hintergrund getreten: Der Betreuung künstlerischer Projekte sowie der Organisation von Ausstellungen. Da in diesem Feld alle seine Talente ihren Platz finden, kann dies kein Zufall sein. Zwar wäre es übertrieben, von Schicksal oder Bestimmung zu sprechen, aber dass die Arbeit als Kurator Günther Rothe wie ein Handschuh passt, lässt sich ohne Übertreibung behaupten.

 

 

Durch seine reiche Erfahrung in vielen Gebieten der Kunst, sein unternehmerisches Gespür, das seit Jugendtagen erproben wurde, seinen großen Fundus an praktischem Wissen, der auf unerschöpflicher Neugier gründet, und nicht zuletzt seinen über Jahrzehnte gewachsenen mentalen Karteikasten voller wertvoller, meist freundschaftlicher Kontakte fällt es ihm leicht, kreativen Köpfen dabei zu helfen, ihre Projekte zu verwirklichen oder ihnen die passenden Mitstreiter zu vermitteln. Wenn sich jemand mit einer Idee an ihn wendet, kennt er meistens schon jemanden, der dies gerade sucht, oder ahnt, wer es gebrauchen könnte. So kann er Menschen und Interessen zusammenführen, deren Bewegungsradien sich sonst wohlmöglich nie geschnitten hätten. Schließlich gelingt jedes Projekt am besten, wenn man die offenen Türen kennt, die sich damit einrennen lassen, statt anderswo mühevoll Tunnel zu graben.

 

 

So organisierte Günther Rothe im Januar 1999 zur Eröffnung des Einkaufszentrums Promenaden im Leipziger Hauptbahnhof die Leihgabe und Aufstellung der Großplastik Luminator des Schweizer Künstlers Jean Tinguely. 1925 in Freiburg im Üechtland geboren, wurde Tinguely in den 1960er Jahren zu einem Hauptvertreter der kinetischen Kunst und des Nouveau Réalisme. Mit seinen großformatigen Maschinenskulpturen, die er aus Schrott und industriellen Fundstücken zusammenstellte und sie nutzlose Bewegungen verrichteten lies, setzte er sich von heiter-verspielt bis kritisch-ironisch mit den Absurditäten des Maschinenzeitalters auseinander und säte Zweifel an den Segnungen von Fortschritt und Produktivität. Der Luminator war sein letztes großes Werk, das in seinem Todesjahr 1991 entstand. Bis 1998 wurde es im Bahnhof Basel ausgestellt, bevor es auf Betreiben Rothes für zwei Jahre in Leipzig gastieren durfte.

 

 

2007 verwirklichte Rothe mit „ICH BIN ICH – EGOUNIVERSUM“ eines seiner wichtigsten Ausstel-lungsprojekte. Es nahm seinen Anfang, als er 2003 im Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt am Main einen Blick auf die berühmte Schädelkalotte Sangiran II werfen durfte, eines der ältesten Fossilien der Gattung Mensch, die außerhalb Afrikas je gefunden wurden. Dies gelang 1937 bei den Ausgrabungen von Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald im namensgebenden Gebiet Sangiran auf der indonesischen Insel Java. Sangiran II gehört zur Spezies Homo erectus, aus der nach aktuellem Stand der Forschung in Europa der Neandertaler und – gleichzeitig, aber unabhängig von ihm – in Afrika der moderne Mensch (Homo sapiens) hervorging. Homo erectus war die erste menschliche Art, die das Feuer zu nutzen verstand, die Jagd als wesentliches Element der Nahrungssicherung einsetzte und wie der moderne Mensch laufen konnte.

 

 

Daher liegt die Vermutung nicht fern, dass Homo erectus als erster menschlicher Vorfahr auch eine Vorstellung von sich selbst entwickelte, sich ins Zentrum einer Wirklichkeit stellte, die er als seinige wahrnahm – oder kurzum: Der ein Bewusstsein besaß. Diese faszinierende Idee gab den Anstoß zur Ausstellung, die im Juni 2007 in den Potsdamer-Platz- Arkaden in Berlin erstmals zu sehen war. Günther Rothe versammelte Künstler aus dem In- und Ausland – darunter Rolf Kuhrt, Jean Miotte und Heinz-Josef Mess –, damit sie ihre verschiedenen Herangehensweisen und visuellen Formen von Homo erectus anregen ließen und die Ergebnisse ihrer kreativen Beschäftigung beisteuerten. Im Ergebnis stand die Schädelkalotte Sangiran II als stummer Zeuge jener epochalen Wende, da die menschliche Individualität ihren Anfang nahm, umringt von Werken der zeitgenössischen Kunst als Beispielen ihrer jüngsten Verwirklichung. Diese ungewöhnliche Konfrontation veranschaulichte auf ergreifende Weise, welchen langen und wechselvollen Weg die menschliche Individualität durchschritten hat und wie einzigartig, kostbar und schützenswert sie trotz aller Mühen und Rückschläge ist.

 

 

Die Ausstellung wurde an verschiedenen Orten mit wechselnden Besetzungen neu aufgelegt. Dabei bildeten die Plastiken und Zeichnungen Rolf Kuhrts eine ihrer wesentlichen Säulen. Der 1936 im Kreis Genthin geborene Künstler studierte von 1956 bis 1962 an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB), an der er nur wenig später selbst unterrichtete. Zunächst ab 1969 als Dozent, danach von 1980 bis zur Emeritierung im Jahr 2001 als Professor. In seiner Kunst verbindet Rolf Kuhrt die höchsten handwerklichen Ansprüche mit großer expressiver Kraft. Seine Werke schöpfen aus der urmenschlichen Sehnsucht nach Gewissheit in den letzten Fragen und sind zugleich Ausdruck einer lebendigen und wachen Individualität, die ihre Gegenwart sensibel reflektiert. Deshalb widmete ihm Günther Rothe eines seiner wichtigsten Buchprojekte. Auf fast 600 Seiten mit über 400 Fotos und Abdrucken zeigt das zweibändige Werk „Rolf Kuhrt – Malerei, Zeichnung, Graphik, Plastik“ die bisher vollständigste Werkschau des Künstlers.

 

 

Seit 2014 befasst sich Rothe mit seinem aktuellen Projekt, der Aufbereitung und Ausstellung der bisher kaum bekannten Werke des Künstlers Host Meier. Dieser kam 1925 in Sachsen-Anhalt zur Welt, durchlebte die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und der russischen Gefangenschaft und war von 1963 bis 1976 unter dem Decknamen Erwin Miserre für den Auslandsgeheimdienst der DDR tätig, darunter für einige Jahre in Brüssel. Dort entdeckte er die Kunst für sich, schrieb sich an der Königlichen Akademie ein, wurde Schüler und Assistent des Brüsseler Bildhauers Olivier Strebelle und entwickelte seine kreativen Kräfte. Nach seiner Rückkehr in die DDR schuf er im heimischen Atelier in über 30 Jahren eine einzigartige Sammlung an Plastiken, deren geistige Frische und unverwechselbare Formensprache ebenso überzeugen wie überraschen. Doch das Wissen um seine brisante Vergangenheit ließ ihn die Öffentlichkeit meiden und seine Kunst nur im Verborgenen entfalten.

 

 

Schon seit den 1980er Jahren gehörte Günther Rothe zu den wenigen, die Horst Meier als Künstler kannten, ohne jedoch von seiner Vergangenheit zu erfahren. Umso rätselhafter war ihm, dass Meier sein Talent so versteckte. Immer wieder versuchte er, ihn von einer Ausstellung zu überzeugen, blieb aber erfolglos. Nur innerhalb des vertrauten Kreises durfte Rothe, der damals eine Kunstgießerei betrieb, einige Plastiken fertigen. Diese Verbindung eröffnete schließlich Meiers Werk eine letzte Chance, bevor es dem Vergessen anheimfiel. Denn kurz vor dem Tod des Künstlers im Jahr 2016 erinnerte sich seine Familie an den eifrigen Gießer von damals und beauftragte ihn mit der Betreuung seines Nachlasses.

 

 

Seither scheut Rothe keine Mühen, die ihm anvertraute Kunst ihrer verdienten Anerkennung zuzuführen. Er bereitete die teilweise schon gebrechlichen Originalmodelle wieder auf, leitete den schwierigen Guss der komplexen Skulpturen an und organisierte die Ausstellung „Meier/Miserre – Aus dem Schutzraum der Heimlichkeit“, mit der die Plastiken nun erstmals gezeigt werden. Auch ist er Herausgeber des gleichnamigen Buches, das Leben und Werk des Künstlers ausführlich vorstellt.

 

 

 

 

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